Zugänge zur Persönlichkeit

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Friedrich Spee von Langenfeld
Zeitgenössisches Bildnis
Erzbischöfliches Friedrich-Spee-
Kolleg, Neuss

Weder Spees Persönlichkeit noch seine Werke erschließen sich uns leicht. Die Lebensdaten allein können bestenfalls Hinweise geben. Bei der Annäherung an ihn ist der zeitliche Abstand eine erste Hürde. Wir müssen uns in seine Zeit hineindenken: Streit der Konfessionen mit Vertreibungen und Enteignungen, Dreißigjähriger Krieg mit Toten, Verkrüppelten, Waisen und flächenweiten Zerstörungen, Epidemien, Missernten mit Hungersnöten, Hexenwahn, Verluste aller Art, auch des Glaubens ...

Wo so viele Menschen Hilfe brauchten, fühlte sich der Seelsorger Spee zum Handeln herausgefordert - bis zu seinem Tode bei der Fürsorge für Verwundete und Kranke. Er handelte im Vertrauen auf die Güte und Gnade Gottes, mit großem Mut, mit Überzeugungs- und Standfestigkeit, immer seinem Gewissen treu, mit sozialem Gespür, scharfem Verstand und tiefer Empfindsamkeit. So spricht er auch aus seinen Werken zu uns.

Durch seine Herkunft aus einer adligen Familie - damals noch ohne "von" im Namen - genoß er als Mitglied der privilegierten Stände eine gute Erziehung. Sie ließ ihn früh an weitere Horizonte denken, als er sie in seiner engeren Heimat fand. Die Gesellschaft Jesu, modern in ihrem Ordensleben, ihrer Ausrichtung und ihren weltumspannenden Bestrebungen, gewährte ihm eine gründliche Ausbildung zum Priester und wurde seine geistige Heimat. Seine Bitte, zur Indien-Mission entsandt zu werden, leidenschaftlich als Wunsch seit Kindheitstagen vorgetragen, wurde allerdings abgelehnt.

Schon während der Ausbildung als Novize und Student wurden seine besonderen Fähigkeiten als Dichter und als Lehrer entdeckt. Ersten Veröffentlichungen seiner Lieder folgten bald Übernahmen in ein Gesangbuch seines Ordens. Und als Dozent wurde er zwar einmal außerhalb der üblichen Laufbahn berufen, aber andererseits brachte ihm sein großer Einfluss auf die Studenten Ärger mit seinen Vorgesetzten bis zum Entzug des Lehramts.

Vielerorts bewährte er sich als Seelsorger, Katechet, Beichtvater und in manch anderem Amt. So wurde er zeitweise zum geistlichen Begleiter einer Kölner Frauengemeinschaft bestimmt, der St. Ursula-Gesellschaft, was letztlich das "Güldene Tugend-Buch" entstehen ließ, das erste Andachtsbuch eigens für Frauen, das bis in protestantische Kreise hinein wirkte.

In den Streit der Konfessionen wurde er einmal ganz handfest einbezogen durch den Auftrag, in Peine die Re-Katholisierung durchzuführen. Hier war er ebenfalls erfolgreich - nicht ohne das zeitübliche Mittel der Bedrohung widersetzlicher Protestanten mit der Ausweisung. Wurde er deshalb nach einem halben Jahr von einem Attentäter angegriffen und schwer verletzt? Oder war es ein Räuber? Jedenfalls war er erst nach Monaten soweit genesen, dass er sich erneut seiner Aufgabe widmen konnte. Bald darauf erhielt er den Lehrauftrag für Moraltheologie in Paderborn, den man ihm 1631 wieder entzog.

In jenem Jahr erschien Spees "Cautio Criminalis", die Streitschrift gegen die Hexenprozesse, in der er auch den Verantwortlichen schonungslos ihre Versäumnisse vorwarf. Das Aufsehen war nicht nur in Köln groß, wo Spee mittlerweile wiederum Moraltheologie zu lehren hatte. Selbst der Generalobere des Ordens in Rom musste sich mit dieser Schrift und ihrem Autor befassen. Die Entlassung aus dem Orden drohte Spee, wurde jedoch vom Ordensprovinzial geschickt abgewendet. Anscheinend unterstützte dieser sogar den Kampf gegen die Hexenprozesse. Er sandte ihn nach Trier, obwohl unterdessen die zweite, in Teilen verschärfte Ausgabe der "Cautio Criminalis" erschienen war, und er beauftragte ihn abermals mit der Lehre der Moraltheologie und danach mit der Lehre der Exegese, was einer Beförderung gleichkam. So konnte Spee in Trier an seiner Liedersammlung "Trutz-Nachtigall" feilen und sie zu einem barocken Meisterwerk vollenden. Vielleicht überarbeitete er hier das "Güldene Tugend-Buch" ebenfalls.

Auch wenn noch eine verschollene Moraltheologie dazu zu rechnen ist, blieb Spees schriftstellerisches Werk vergleichsweise schmal. Daran war nicht nur sein früher Tod mit 44 Jahren schuld. Spee dürfte sich wohl nie in erster Linie als Schriftsteller begriffen haben, gingen seine Werke doch stets aus seiner Tätigkeit als Seelsorger und Lehrer hervor. Die ersten Lieder aus seiner Feder sollten ihm bei der Kinder-Katechese helfen. Mit seinen folgenden geistlichen Liedern trat der Seelsorger der verbreiteten Verzweiflung und Glaubensnot entgegen, wenn er etwa mit dem Lob der Schöpfung zum Lob des Schöpfers aufruft oder die Liebe zu Christus mitempfinden lässt. Seine Vorbereitungen auf die geistlichen Übungen mit den Frauen der St. Ursula-Gesellschaft waren die Grundlage des "Güldenen Tugend-Buchs".

Die "Cautio Criminalis" schließlich ist Spees zentrales Werk auch insofern, als es aus seiner Erfahrung und Erschütterung als Beichtvater heraus entstand und die Veröffentlichung wohl nicht zuletzt seiner Aufgabe als Lehrer der Moraltheologie verdankt. Er folgte damit seinem Gewissen vor allem Ordensgehorsam. Dass er sich dabei in seiner Argumentation gegen die Autoritäten auf seine Augenzeugenschaft berief, beweist eine Haltung, die später die Aufklärer auszeichnete.

Die enge Verbindung der Werke mit Spees Wirken erklärt nun auch die Unterschiede im Stil. Die jeweilige Herausforderung verlangte die je eigene Antwort in der am besten geeigneten Form. Die Gemütsbewegung zur Vertiefung der Glaubenslehre und bei der Festigung des Glaubens konnte Lyrik am ehesten bewirken. Für die Streitschrift gegen Folter und Hexenwahn war geschliffene Rhetorik die beste Waffe, und für die geistlichen Übungen fand er eine einladende und anregende, abwechslungsreiche Mischung von dialogischer, erzählender, meditativer, auch didaktischer Prosa, neben der er mit Liedern das Gefühl ansprach und seine Leserinnen ergötzen wollte.

In der Begegnung mit Friedrich Spee und seinem Werk wird die bleibende Aktualität des vorbildlichen Christen erkennbar. Lieder von ihm leben in katholischen wie evangelischen Gesangbüchern fort, seine Forderungen im Prozessrecht wurden für uns zu Selbstverständlichkeiten der Menschenrechte, sein Werben für Nächstenliebe kann nicht veralten. Er steht eben auch bei heutigen Herausforderungen an unserer Seite: Sein Schöpfungslob fordert zum Schutz der Natur auf, die "Cautio Criminalis" mahnt zum Widerstand gegen Massenwahn und Verfolgung und vertritt Frauenrechte. Wie er für christliche Werte eingetreten ist und neues Denken angestoßen hat, kann Mut machen, seinem Beispiel zu folgen.